Fr 2.9.2005

CONGOFAHRT TAG 6:

Es geht um vier Uhr los, damit wir die nächste Polizeikontrolle gegen 10 Uhr erreichen.

Henri hat sich gut erholt, es ist unglaublich, wie gut die Mittelchen gegen den Schock und den Schmerz wirken. Nach den letzen beiden Folterungen war er zwei Wochen lang körperlich und seelisch am Ende, hat kaum mehr gesprochen und war extrem aggressiv. Es grenzt fast an ein Wunder.

Alltag kehrt ein

Immer wieder fahren Pirogen längs – wir kaufen einmal Maniok, zum probieren. Er ist in Blätter gehült, in denen er gekocht wurde. Die Konsistenz ist fest-gummiartig und er schmeckt uns ausgezeichnet als Brotersatz. Prunes, auf Lingali Safu, eine pflaumenfärbige, wie eine 10 Zentimeter große Dattel aussehende Frucht werfen wir für drei Minuten in kochendes Wasser. Wenn sie aufplatzen sind sie essensfertig, Schwester Dorothy hat uns gestern die ersten zubereitet. Sind geschmacklich eine Mischung aus Avocado und diversen Obstsorten.

Der lebenslustige Händler Seril kommuniziert in einer Zeichensprache mit Eingeborenen, die im ganzen Kongo von den handelnden Leuten verstanden wird.

Schon wieder Kontrolle

Er geht gegen Mittag von Bord, den Posten der Hafenstadt Impfondo haben wir gegen zwei Uhr erreicht. Die Immigration will gleich mal wieder unsere Pässe einkassieren, wir weigern sie herzugeben. Kontrollieren dürfen sie, wir haben auch extra die Daten abgeschrieben, aber wir geben sie keinesfalls ab. Nach lautstarkem Wortgefecht akzeptieren sie, dass wir sie persönlich am Posten vorweisen werden und keinesfalls einen der illegalen Stempel im Paß akzeptieren.

Freundlich werden vom Hauptkommissar unsere Daten aufgenommen: „Wollt ihr keinen Stempel?“ –„Nein, bitte nicht, wir brauchen den Platz im Paß noch!“

Dorothy benötigt ein wenig länger, bis sie akzeptieren, daß sie keinen CFA bezahlt.

Das Rindergeschäft

Kommen vor dem Boot mit den Nomaden aus dem Tschad in ein Gespräch - mehr mit Gesten, da sie nur ein paar Brocken Französisch verstehen. Sie kaufen die Tiere im Raum um den Lac Tchad um rund 150 000 CFA, 255 EUR, ein und verkaufen das Rind um rund 500 000 CFA, 751 EUR in Brazza oder Point Noir, an der Küste – rund drei Monate später. Eines der 500 Rinder kostet beim Bootstransport 45 000 CFA plus 5000 CFA Zoll, insgesamt rund 75 EUR. Kein schlechtes Geschäft für Ali und seine Sippe, die drei mal pro Jahr die Reise machen. Jeder der arabischen Nomaden trägt ein Amulett um den Arm und/oder Bauch. Rüdiger erklärt Schwester Dorothy, dass dort Koranverse, die mit Gebeten bedacht wurden drinnen stecken. Ein Nomade, der sich dazu gesellt spricht Französisch und bestätigt die Ausführungen von Rüdiger. „Da bin ich nun Afrikanerin und lebe mein ganzes Leben in diesem Kontinent. Ich will schon ewig lange wissen was da in den Amuletten drinnen steckt und ein Europäer erklärt es mir dann. Wir Afrikaner fragen wohl einfach zu wenig!“ – Dorothy zerkugelt sch vor Lachen.

Jeanne war am Markt einkaufen und schenkt uns ein paar Brunes.

Henri erzählt

Henri gesellt sich wie fast jeden Abend zu uns. Er kennt ein paar Pflanzen, die er uns morgen mitbringen möchte. Eine gegen Amöbenruhr, eine gegen Karies – sein defekter Zahn zeigt keine Spur davon - und eine zur Malariavorbeugung. Auch Henri war noch nie davon betroffen. Vielleicht hat er Sichelzellenanämie, dann kann ihm der Malariaerreger nichts tun. Fliegen wird dann aufgrund des reduzierten Luftdrucks in der Kabine zum Problem, da seine Blutkörperchen relativ wenig Sauerstoff aufnehmen können.

Wir plaudern über Raumfahrt – Henri erzählt uns vom KEO Projekt. Telemedizin, über weite Strecken, die man auch in der Raumfahrt einsetzt.

Henri sprudelt nur so vor Energie und Lebensfreude und fast könnte man meinen, dass die Episode der letzen beiden Tage zuvor nur ein böser Albtraum war. Er benötigt heute nur mehr am Morgen das Mittel gegen die Schmerzen, die Psyche muß nicht mehr mit dem Schockmittelchen unterstützt werden. Wir können es kaum glauben, wie diese neuen Medikamente wirken – direkt unheimlich.

Wieder mal eine Polizeikontrolle. Impfondo. Mit Druck erklärten wir, dass sie uns keinesfalls einen illegalen Stempel in den Paß stempeln dürfen ... und zahlten wie immer nichts! Schwester Dorothy gehört auch zu den wenigen Nichtzahlern.

 











Kommentare

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